Protokoll der Aktion

31.03.2013, Maxim Gorki Theater Berlin, Hinterbühne

Diese Chronik behandelt die Erlebnisse der Vertretung der studentischen Vollversammlung der ATW im Maxim-Gorki-Theater Berlin.

Die Grundsituation der angereisten Gruppe, die sich als Vertretung der studentischen Vollversammlung der ATW begriff, stellte sich wie folgt dar:
Eine Gruppe der ATW wurde eingeladen um eine Performance im Rahmen des Osterfestivals 2013 am Maxim Gorki Theater zu zeigen. In einer Vollversammlung wurde beschlossen das Festival zu boykottieren um die schlechten Arbeitsbedingungen des Festivals nicht zu reproduzieren. Aus diesem Impuls entstand eine Gruppe, die sich am Sonntag den 31. März 2013 auf der Hinterbühne des Maxim Gorki Theaters einfand und eine Performance zeigte, die sich zu einer Besetzung entwickelte.

Pünktlich um 12 Uhr fand sich die Gruppe ein, um mit dem Aufbau anzufangen. Die Techniker meinten im Nachhinein, die wäre ihnen schon von Anfang an suspekt gewesen. Das lag wohl daran, dass wir von Anfang an versuchten, möglichst viele der Techniker von der Bühne zu vertreiben, indem wir ihnen klar machten, dass wir es gewohnt sind die Technik selbst zu bedienen.

Pünktlich um 15 Uhr beginnt die Performance, in dessen Rahmen Barrikaden errichtet und Suppe gekocht wurde. Nach einiger Rechnerei, die dem Publikum transparent machen sollte, wie unsere finanzielle Lage war, wird klar: wir haben genug Gelder aufgetrieben um alle Beteiligten nach Berlin zu karren, aber es fehlen 1000 euro für ein Stück, das wir hätten zeigen wollen. Die 1000 Euro hätte das Publikum in einem Aufstand gegen uns erstreiten können. Aus dem Grund des fehlenden Geldes, haben wie die Regeln modifiziert: Da es kein Stück mehr gibt, gibt es keine Performer_innen und Zuschauer_innen mehr, aus dem selben Grund erstreiten wir mit den Zuschauer_innen zusammen die 1000 Euro vom Maxim Gorki Theater.

Um 15:33 Uhr wird die Hinterbühne als besetzt erklärt. Das Publikum ist durch seine Anwesenheit bereits Teil dieser direkten Aktion. Alle Anwesenden werden über die rechtliche Lage aufgeklärt, die unter dem Banner der künstlerischen Freiheit erfolgt.

Die Gruppe, die um 16 Uhr im Studio spielt, wird eingeweiht. Sie ist nicht begeistert.

Währenddessen denkt sich das Publikum auf der Hinterbühne Strategien zum erreichen der 1000 Euro aus. Die Vorschläge reichen von Geiselnahme bis Prostitution, ein Zeichen wie utopisch diese Forderung in unserer Lage klingt.

Um 16 Uhr tanzt und singt die Gruppe vom Studio auf der Hinterbühne, um das Publikum ins Studio zu locken, weil es ihr um Kunst statt um Geld gehe. Ein Vorgeschmack auf die späteren Fronten und eine Vorwegnahme des späteren Konflikts.

Der stellvertretende Geschäftsleiter hält die Bühne nicht für den richtigen Rahmen für Diskussionen. In der Kantine könnte verhandelt werden, aber nur, wenn die Bühne geräumt wird. Wörtlich in etwa: „Die Bühne ist nicht ein Ort der Diskussion und der Auseinandersetzung“, man möge sie in der Kantine führen“ und „Die Performer aus Gießen haben die Spielregeln verletzt“ die gesetzt wurden. Also wird weiter besetzt,

Die Gruppe, die um 17 Uhr gespielt hätte, sagt ihren Auftritt ab. Er wäre im Kontext der Besetzung zu kontemplativ und verfälscht. Den folgenden Gruppen wird mehrmals angeboten im Rahmen der Besetzung zu spielen, jedoch wird von Seiten der Theaterleitung jedes konstruktive Gespräch unterbunden. „Das Festival geht erst weiter wenn die Bühne geräumt wird.“

Kurz nach 16 Uhr wird die Technik angewiesen, unsere Barrikaden aus Europaletten abzubauen. Die Suppe ist fertig. Sie wird im Arbeitslicht gegessen, weil die Technik abgebaut wird und die Front zwischen uns und den anderen Gruppen damit verschärft werden soll. Die Besetzer_innen sind schuld an der ausweglosen Lage.

Ein Vertreter der Gruppe aus dem Studio kommt und beschwert sich. Der für ihn einberufenen Gerichtsverhandlung wohnt er jedoch nicht bis zu Ende bei. Seine Anklage wird in seiner Abwesenheit abgelehnt.

Die Geschäftsleitung lässt kein Publikum mehr auf die Hinterbühne. Wer auf die Toilette muss, wird nicht mehr hochgelassen. Hinter einem Bühnenvorhang wird mit aufgeschnittenen PET Flaschen eine Nottoilette eröffnet. Nach ca. einer Stunde darf wieder auf die Toilette gegangen werden. Die Sache wurde dem Gorki wohl zu eklig. Ausserdem hat ein aufgebrachter Bühnenarbeiter die Privatsphäre gestört.

Es wird diskutiert, wie das einmal erstrittenene Geld verteilt werden soll. Es setzt sich der Vorschlag durch, es symbolisch unter den Teilnehmer*innen zu verteilen.

Die Salzburgerin, die um 18.45 Uhr gespielt hätte, würde im Rahmen der Besetzung spielen. Ein produktive Annäherung. Das Maxim Gorki verhindert aber, dass ihr Bühnenbild, eine Badewanne, auf die Bühne geholt werden kann. Auch Verhandlungen werden mit Verweis auf die missachteten „Spielregeln“ verweigert.
Die aufgehängte puppe „boykott-boy“ wird mit Kartoffeln beworfen und spuckt Ostereier und Schokolade aus.

Später gesellt sich die Gruppe aus Leipzig dazu. Selbes Problem. Das Gorki verweigert der Gruppe, in der Besetzung zu spielen und Publikum reinzulassen. Dazu kommt, dass die Gruppe den Kontext der Besetzung grundsätzlich nicht auf der Bühne haben möchte, würden sie denn spielen. Im Text ihrer Produktion heisst es gleichzeitig: „Kann man den Aufstand proben? Dieser Frage haben wir uns gewidmet und glauben mittlerweile: nein! Man kann Aufstand nur machen.“
Später macht die Gruppe in der Kantine den Aufstand gegen eine kleine gießener Delegation, die unter der Fehlinformation, die Geschäftsführung wolle endlich reden, hinunter in die Kantine gekommen sind.
Es wird geschrien wie bei einem Vorsprechen für eine Herbert-Fritsch-Produktion. Das Stimmtraining an der Schauspielschule Leipzig muss überragend sein.
Alle Beruhigungsversuche scheitern, der Spielwut ist nicht beizukommen mit Diskurs.
Ein leipziger Schauspieler versucht, alles, was vom gießener Bühnenaufbau noch übrig ist, niederzureißen. Fast verletzt er sich dabei selbst.

Die Möglichkeit, dass das Ganze außer Kontrolle gerät, zeichnet sich ab. Trotzdem wird für weitermachen entschieden.

Die Diskussion nimmt immer absurdere Züge an. Plötzlich wird die Hautfarbe des Plenums zum Thema und es wird versucht das Refugee Camp im Foyer gegen den Boykott auszuspielen.
Menschen, die die Aktion zuvor daneben fanden, fordern dazu auf, weiter zu besetzen.

Die Gruppe aus Rostock zeigt ihre Produktion in der Kantine. Mittlerweile wird um Punkt 23 Uhr,wird die Besetzung der Bühne friedlich und von den Besetzern aufgelöst. Im Foyer kann nun endlich mit dem stellvertretenden Intendanten gesprochen werden. Der tönt so:
„die Bühne ist kein Ort für Diskussion. Auf der Bühne wird gespielt.“ „Wir verdienen nichts am Osterfestival. Würden wir Anna Karenina spielen, hätten wir mehr Einnahmen“ „Es wurde nur den Kollegen die Chance genommen, zu spielen“, auch die restliche Runde lässt sich nicht lumpen.
Ein Leipziger: „Hat irgendjemand von euch schon mal im nichts gelebt? Kennt ihr das Gefühl, von eurer Familie getrennt zu sein? Seid ihr schonmal kilometerweit gereist, nur um einen Bonbon abzuholen und dann einfach nur glücklich zu sein?“
Ein Giessener: „ihr seid ohnehin nur neidisch, weil euch die Idee nicht gekommen ist.“
Der stellvertretende Intendant ist mittlerweile unbemerkt verschwunden. Armin Petras soll anwesend gewesen sein, hat sich aber gut versteckt.

Jemand bringt ein Plakat des Maxim Gorki mit einem Zitat von Einar Schleef: „Ich glaube, das Theater ist jetzt an einem Endpunkt angelangt, und es wird noch schlechter. Das Fatale ist, dass es um nichts mehr geht. Jeder führt seine Handschrift vor. Und damit hat es sich. Niemand spürt einen Schmerz, einen Inhalt.“

Gegen 2 Uhr morgens beschliesst das Plenum, eine Verweigerungsbotschaft zur Teilnahme an nicht zahlende Festivals in die Schulen zu tragen. Ein weiteres Treffen wird für 13 Uhr vereinbart.


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